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Von Isabelle Dupuis am 11.07.2011 zum Thema Literatur verfasst:

Goethes Gretchen: eine der verkanntesten Frauenfiguren der deutschen Literaturgeschichte

Gretchen - blond, aber nicht doof

Die wohl berühmteste Darstellung des Gretchens aus Goethes Faust ist gleichzeitig auch die bezeichnendste. Es geht um diese blonde, naiv-dümmliche Gans aus dem ollen Gründgens-Film. Sicher begebe ich mich hiermit auf ziemlich glattes Eis, der Gründgens-Film ist ein Heiligtum der deutschen Kulturgeschichte und eigentlich darf man nichts dagegen sagen. Ich tu’s trotzdem. Die Gretchen-Darstellung in dem ollen Gründgens-Film ist nämlich nicht nur misogyn, platt und dumm sondern auch noch völlig unzutreffend.
Schaut man sich das Gretchen in Goethes Faust einmal genauer an, ist sie nämlich schlagfertig, klug und selbstbewusst. Umso schlimmer, das Faust sie ins Unglück stürzt. Eine dumme Blondette wie aus dem Gründgens-Film ins Unglück zu stürzen ist nämlich keine sehr große Herausforderung, da kann man sogar fast behaupten, die ist selbst Schuld und das ist überhaupt kein Wunder. ‚Überhaupt kein Wunder ergibt aber kein spannendes Drama, also muss das Gretchen mehr sein, als eine dumme Blondette, die sich dem Erstbesten an den Hals wirft, ohne zu zögern.

Liebe auf den ersten Blick?

Betrachten wir einmal das erste In-Erscheinung-Treten von Gretchen in Goethes Drama (da heißt sie übrigens noch „Margarete”, ohne das verniedlichende Diminutiv):

FAUST. Mein schönes Fräulein, darf ich es wagen,
Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?
MARGARETE. Bin weder Fräulein, weder schön,
Kann ungeleitet nach Hause gehn. [1]

So klingt mit Sicherheit kein naives Dummchen. Margarete/Gretchen weiß ganz genau, was sie will. Zwar hat diese erste Begegnung ihre Neugier und ihr Interesse geweckt, sie hat sich verknallt und ihre Hormone schwurbeln auf bisher ungefühlte Weise, aber es bedarf noch mehr der Faustschen Überredungskunst um aus ihr eine sitzengelassene Geliebte und Kindermörderin zu machen. Sie schwärmt zwar „[i]ch gäb was drum, wenn ich nur wüsst [w]er heut der Herr gewesen ist"[2], bleibt aber trotz allem noch vorsichtig und versucht herauszufinden, wie ernst es Faust mit ihr ist. Deswegen stellt sie die berühmte Gretchen-Frage. Das ist ihr doch im Grunde völlig egal, wie Faust es mit der Religion hält, was sie eigentlich wissen möchte, ist, ob Faust ihr treu sein wird, ob er sie auch nicht sitzen lässt, wenn sie sich ihm hingibt und ob er bereit ist, sie zu heiraten. Und erst, als sie sich dessen sicher ist, gibt sie sich ihm hin. Dass er sie trotzdem bescheißt – mit Verlaub – ist nicht ihre Schuld, liegt nicht an ihrer Dummheit oder Naivität, sondern daran, dass Faust ein egozentrisches, eitles, selbstverliebtes Riesenarschloch – bei allem Respekt – ist.

Das Drama wird durch Gretchens Fallhöhe erst richtig spannend

Es muss ja auch einen Grund geben, warum Gretchen am Ende so verzweifelt, dass sie den Verstand verliert. Den Verstand verlieren kann sowieso schon mal nur jemand, der vorher Verstand gehabt hat. Ein naives, blondes, notgeiles Dummerchen verliert nicht seinen Verstand, sondern hatte nie welchen und angelt sich nach einem solchen ‚Missgeschick einfach den nächsten wackeren Herren. Gretchen aber hat sich mit allem, was in ihrer Macht stand abgesichert, bevor sie Faust nachgegeben hat, sie war sich absolut sicher, dass sie sich auf ihn verlassen und ihm vertrauen kann. Das war ihre Welt, ihre Wahrheit. Und als diese zusammenkracht, verliert sie alles, was sie für gegeben hielt, verliert ihren Halt und infolgedessen ihren Verstand. In ihrem letzten lichten Moment erkennt sie Faust und sagt: „Heinrich! Mir grauts vor dir”.[3]

Schließlich geht sie dem Tod entgegen, weil sie alles verloren hat, was sie am Leben gehalten hat. Das kann man sicherlich mystifizieren und religiös verklären, weil da am Ende eine Stimme von oben sagt, sie sei gerettet, aber das ist meiner bescheidenen Ansicht nach Quatsch. Ich würde sagen, sie ist einfach ein Mensch, weder eine Heilige, noch eine Idiotin. Und gerettet ist sie deswegen, weil sie als Mensch in den Tod geht. Natürlich wäre es ein ziemlich plattes Schwarz-Weiß-Denken zu sagen, Faust ist der Böse und Gretchen die Gute. Aber klar ist, dass Faust sich Gretchen gegenüber absolut falsch verhalten und ziemlich viel Mist gebaut hat, nur weil er in so einer Art Midlife-Crisis steckte.

Und Gretchen ist auch nicht fehlerlos, aber fest steht, dass sie weder dumm, noch naiv ist, sondern einfach nur ein Mensch, jung und verliebt.

(Isabelle Dupuis)

 

 

 

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